Misteltherapie: Wirkung, Einsatzgebiete und wissenschaftliche Bewertung
Die Misteltherapie gehört zu den bekanntesten komplementärmedizinischen Verfahren in der Krebsbegleitung im deutschsprachigen Raum. Ihre Anwendung in der Onkologie geht auf Rudolf Steiner und Ita Wegman zurück. Besonders Präparate aus der Weißbeerigen Mistel (Viscum album) werden seit Jahrzehnten ergänzend zur Krebstherapie eingesetzt. Dieser Artikel beantwortet die wichtigsten Fragen auf Basis des aktuellen medizinischen Wissensstands.
Was ist Misteltherapie?
Die Misteltherapie ist ein komplementärmedizinisches Behandlungsverfahren, bei dem Extrakte der Weißbeerigen Mistel (Viscum album) verwendet werden. Die Therapie wird vor allem in der anthroposophischen Medizin und in der integrativen Onkologie eingesetzt.
Meist erfolgt die Anwendung durch subkutane Injektionen, also Spritzen unter die Haut. Die Behandlung wird häufig über mehrere Monate oder Jahre durchgeführt und individuell dosiert.
Welche Inhaltsstoffe enthält die Mistel und wie wirkt sie?
Mistelextrakte enthalten eine Vielzahl an Inhaltsstoffen, darunter:
- Mistellektine (Glykoproteine, die an Zellen binden und biochemische Reaktionen auslösen)
- Viscotoxine (zytotoxische Peptide)
- Polysaccharide
- Flavonoide (sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativen, antiinflammatorischen Eigenschaften)
- Triterpene
Diesen Stoffen werden unter anderem folgende Eigenschaften zugeschrieben:
- Aktivierung bestimmter Immunzellen
- Förderung entzündlicher Reaktionen
- Einfluss auf Tumorzellen im Laborversuch
- Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens
Immunmodulation
Der wichtigste postulierte Wirkmechanismus ist die Aktivierung des Immunsystems.
Mistelpräparate können:
- Makrophagen aktivieren
- natürliche Killerzellen (NK-Zellen) stimulieren
- T-Lymphozyten aktivieren
- die Freisetzung von Zytokinen fördern, darunter:
- Interleukin-1 (IL-1)
- Interleukin-6 (IL-6)
- Tumornekrosefaktor alpha (TNF-α)
- Interferon-γ
Dadurch soll die körpereigene Tumorabwehr unterstützt werden.
Einfluss auf Tumorzellen
Mistellektine können in Tumorzellen programmierte Zellabtötung (Apoptose) auslösen.
Der Mechanismus ähnelt teilweise dem von Ribosomen-inaktivierenden Proteinen:
- Hemmung der Proteinsynthese
- Zellstress
- Aktivierung apoptotischer Signalwege
- Caspase-Aktivierung
Dieser Effekt wurde vor allem in Zellkultur- und Tiermodellen gezeigt.
Zytotoxische Effekte
Viscotoxine und Mistellektine können direkt membranschädigend wirken.
Beobachtet wurden:
- erhöhte Membranpermeabilität
- Zelllyse
- Hemmung der Tumorzellproliferation
Die Stärke dieser Effekte hängt aber stark ab von:
- Tumorart
- Konzentration
- Extraktionsverfahren
- verwendeter Wirtsbaum-Mistel
Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens
Klinisch wird Misteltherapie häufig zur unterstützenden Behandlung eingesetzt, insbesondere zur Verbesserung von:
- Fatigue
- Appetit
- Schlaf
- Allgemeinbefinden
- therapieassoziierten Nebenwirkungen
Hierfür existieren mehr klinische Daten als für direkte antitumorale Wirkungen.
Wofür werden Mistelpräparate eingesetzt?
Die Misteltherapie wird überwiegend begleitend bei Krebserkrankungen eingesetzt. Sie ersetzt aber keine etablierte Krebstherapie wie Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie oder Immuntherapie.
Häufige Einsatzgebiete
Mistelpräparate werden unter anderem ergänzend verwendet bei:
- Brustkrebs
- Darmkrebs
- Lungenkrebs
- Bauchspeicheldrüsenkrebs
- Prostatakrebs
- gynäkologischen Tumoren
Ziel der Behandlung ist meist nicht die direkte Tumorbekämpfung, sondern die Unterstützung der Lebensqualität während oder nach der Krebstherapie.
Welche Effekte berichten Patientinnen und Patienten?
In Studien und Erfahrungsberichten werden häufig folgende mögliche Vorteile genannt:
- weniger Erschöpfung (Fatigue)
- bessere Verträglichkeit von Chemotherapien
- verbesserter Appetit
- besseres Allgemeinbefinden
- bessere Schlafqualität
- subjektiv höhere Lebensqualität
Außerdem wird die Misteltherapie teilweise in palliativen Situationen eingesetzt, um Beschwerden zu lindern und das Wohlbefinden zu verbessern.
Wie gut wirkt die Misteltherapie?
Die wissenschaftliche Bewertung der Misteltherapie ist differenziert. Es gibt zahlreiche Studien, allerdings mit unterschiedlicher Qualität.
Lebensqualität
Am besten untersucht ist der Einfluss auf die Lebensqualität von Krebspatientinnen und Krebspatienten.
Mehrere Studien und Übersichtsarbeiten zeigen Hinweise darauf, dass Mistelextrakte:
- Fatigue reduzieren können
- therapiebedingte Beschwerden abschwächen könnten
- das subjektive Wohlbefinden verbessern können
Deshalb wird die Misteltherapie in einigen Bereichen der integrativen Onkologie als unterstützende Maßnahme betrachtet.
Verlängerung des Überlebens
Ob die Misteltherapie Tumore direkt bekämpft oder das Überleben verlängert, ist bislang nicht eindeutig nachgewiesen.
Zwar existieren einzelne Studien mit positiven Ergebnissen, jedoch bestehen häufig methodische Einschränkungen, beispielsweise:
- kleine Patientenzahlen
- fehlende Verblindung
- unterschiedliche Präparate
- uneinheitliche Studiendesigns
Große medizinische Fachgesellschaften bewerten die Datenlage daher zurückhaltend.
Welche Nebenwirkungen kann die Misteltherapie haben?
Die Misteltherapie gilt insgesamt als vergleichsweise gut verträglich. Dennoch können Nebenwirkungen auftreten.
Häufige Nebenwirkungen
- Rötungen an der Einstichstelle
- Schwellungen
- leichte grippeähnliche Beschwerden
- Fieberreaktionen
Diese Reaktionen werden teilweise sogar als gewünschte Immunreaktion interpretiert.
Seltene Nebenwirkungen
In seltenen Fällen können auftreten:
- allergische Reaktionen
- starke Entzündungsreaktionen
- Atembeschwerden
Die Therapie sollte deshalb ärztlich begleitet werden.
Welche Hersteller bieten Mistelpräparate an?
Die wichtigsten Hersteller für Mistelpräparate sind: